Italien - Weinland im Aufbruch
Masse oder Klasse? Chaos oder Vielfalt? Individualismus oder Industrialismus? Avantgarde oder trostloser Schlendrian? Alle diese Begriffe würden sich eignen, das Kapitel über italienischen Wein einzuleiten. Aber keiner würde diesem Weinland im Aufbruch gerecht werden. Italiens Weinwirtschaft ist nicht mit einheitlichem Maß zu messen. "Jeder italienische Winzer ist davon überzeugt, daß er für die Befriedigung der vielfältigen Weingelüste seiner Kunden ganz allein verantwortlich ist", beschreibt Andreas März, der Italienredakteur der Zeitschrift Vinum, seine Eindrücke von der Veroneser Weinmesse "Vinitaly" 1993. Denn wo auch immer man hinsieht, überall experimentieren junge, engagierte Winzer mit Rebsorten, Ausbauarten und Verschnitten. Und wenn das Produkt, das dabei herauskommt, mit den gesetzlichen Bestimmungen für Qualitätsweine nicht übereinstimmt - wen schert's? Dann erhält der Wein eben einen phantasievollen Namen und kommt als "vino da tavola" auf den Markt, als Tafelwein, der keinen Beschränkungen unterliegt. Das macht, was sich in Italien gegenwärtig vollzieht, so über die Maßen unübersichtlich und - aufregend.
Das italienische Weinrecht lehnt sich in mancherlei Hinsicht dem französischen an. Es schützt bestimmte Ursprungsbezeichnungen und legt zugleich Bedingungen fest, die die so geschützten Weine zu erfüllen haben. Die dadurch definierten Qualitätsstufen entsprechen aber der italienischen Weinwirklichkeit nur sehr unvollkommen.
Vino da tavola ist die Bezeichnung für den einfachen Tafelwein. Keinerlei Produktionsvorschriften engen ihn ein. Und so umfaßt diese Kategorie buchstäblich die ganze Bandbreite italienischen Weingeschehens. Den billigsten Massenwein ebenso wie den teuersten Luxuswein. Den einen, weil er die Bestimmungen des Gesetzes nicht erfüllen kann, den anderen, weil er sie nicht erfüllen will.
Vino da tavola con indicazione geografica (Tafelwein mit geographischer Herkunftsbezeichnung) und vino tipico (Landwein) sind Kategorien, die keine große Bedeutung erlangt haben.
Denominazione di origine controllata (DOC) ist das Prädikat für Qualitätsweine, die nach bestimmten, vom Gesetz festgelegten Produktionsvorschriften in einem genau begrenzten Gebiet hergestellt werden. Solche Weine mögen typisch sein für eine bestimmte Landschaft, ihre Qualität wird aber durch das DOC-Prädikat nicht garantiert.
Denominazione di origine controllata e garantita (DOCG) ist das Prädikat, das diesem Mangel abhelfen soll. Weine dieser höchsten Kategorie unterliegen viel engeren Bestimmungen und einem ausgeklügeltem Kontrollmechanismus. Sechs eng begrenzten Produktionsgebieten ist das DOCG-Prädikat zuerkannt worden: Barolo und Barbaresco in Piemont, Brunello die Montalcino, Vino Nobile di Montepulciano und Chianti Classico in der Toskana und dem, gemessen an der Klasse seiner DOCG-Kollegen, eher unscheinbaren weißen Albana di Romagna.
