Die Anbaugebiete

Es gibt weit über 200 DOC-Gebiete in Italien, zu schweigen von den nichtklassifizierten Anbaugebieten. Da hilft nur Konzentration auf das Wesentliche. Den Entdecker unter den Weinfreunden wird diese Beschränkung eher beflügeln. Denn für Überraschungen ist der italienische Weinmarkt jederzeit gut.

Südtirol und Trentino, traditionell beliebte Ziele sonnenhungriger Törgel-Touristen, waren infolge kritikloser und nur auf den Preis bedachter Einkäufer aus dem Norden in den Ruf geraten, Massenweinproduzenten zu sein. Und so war es ja auch. Angesichts zurückgehender Exportzahlen haben nun die gewaltigen Anstrengungen einzelner Produzenten und solcher Institutionen wie des Comitato Vitivinicolo Trentino oder der Weinbauschule in San Michele in den letzten Jahren beachtliches zur Qualitätssteigerung in der gesamten Region bewirken können. Weinfreunde wissen, daß sie in Südtirol und im Trentino manch erfreuliches Schnäppchen machen können, denn die Preise sind konsumentenfreundlich geblieben. Selbstkelterer gibt es wenige. Die meisten Winzer liefern an die Genossenschaften und einige Handelshäuser.

Die Rotweinsorten stehen mit über 75% der Weinproduktion im Vordergrund. Die Vernatsch (Trollinger), im Trentino Schiava genannt, ist die verbreitetste. Aus ihr werden der "Kalterer See" und der "St.Magdalener" gekeltert, unkomplizierte, süffige Rote, die hervorragend zur Südtiroler Bauernküche passen und am besten jung getrunken werden.
Lagrein ist eine einheimische Traubensorte, aus der man den frischen, rosefarbenen "Kretzer" macht, aber auch den "Lagrein Dunkel", einen Rotwein mit eigenem Charakter. Im Trentino liefert der Teroldego einen tiefdunklen, charaktervollen Rotwein mit guten Lagerfähigkeiten, während der Marzemino ein eher herzhafter Bauernwein bleibt.

Die Weißweinsorten, in ihrem Rebflächenanteil eher unterrepräsentiert, beginnen in beiden Gebieten an Bedeutung zu gewinnen. Chardonnay, Pinot bianco und Pinot grigio, auch Müller-Thurgau haben bei einzelnen Erzeugern eine Klasse erreicht, die dem internationalen Vergleich durchaus standhält und ein Preis-Leistungsverhältnis aufweist, das hellhörig macht. Die einheimische Nosiola kann einen zauberhaften Wein ergeben, wenn sie von Könnern wie Pojer & Sandri in Faedo gemacht wird. Mit dem ebenfalls einheimischen Traminer tun sich die Winzer in Südtirol noch schwer.

Venetien gehört zu den Weinbaugebieten Italiens, die die höchsten Hektarerträge ausweisen. Kein Wunder, daß hier einige Weinhandelshäuser und industriell arbeitende Genossenschaften zu Hause sind, die den See italienischer Massenweine mitverantworten. Unsägliche Bardolino werden hier erzeugt und die anspruchslosen Soave unserer Vorstadt-Pizzerien. aber das ist nur die eine Seite des Veneto. Auch der blumige Valpolicella, der jung zu trinkende rote Urlaubswein, und die großartigen, aus den gleichen Trauben erzeugten Recioto (süß) und Amarone (trocken) haben hier ihren Ursprung. Ebenso wie die herrlich fruchtigen Soave-Classico und spritzigen Prosecco, wenn verantwortungsbewußte Erzeuger sich ihrer annehmen.

Friaul ist das Vorzeigegebiet Italiens, wenn es um Weißweine geht. Hier, im Kerngebiet des Friaul, an den Hügeln um Gorizia nahe der Grenze zu Slowenien, hat in den achtziger Jahren die konsequente Perfektionierung der Kellerwirtschaft begonnen. Mit dem Erfolg, daß die frischen, leichten, ungemein fruchtigen und säurebetonten Weißweine der DOC-Gebiete Collio Goriziano und Colli Orientali di Friuli heute zu den besten Italiens gerechnet werden. Viele kleinere und mittelgroße Betriebe bauen hier die international renommierten Rebsorten Chardonnay, Pinot bianco, Pinot grigio und Sauvignon an, machen aber auch vorzügliche Weine aus den heimischen Sorten Tokai und Ribolla. Diesen Weinen merkt man ihre Herkunft aus den Hügeln östlich des Isonzo deutlich an. Berühmt wurden einige Dessertweine aus der Picolit-Traube, die selten und teuer sind.

Die Lombardei, das Weinbaugebiet in den Tälern der südlichen Alpenausläufer nordöstlich von Mailand, leidet qualitativ ein wenig unter der kritiklosen Begeisterung der Touristenströme. Nur wenige Erzeuger können sich der gleichmacherischen Zufriedenheit entziehen und produzieren einen beachtenswerten Valtellina Superiore oder Sforzato aus der hochwertigen Nebbiolo-Traube oder einen guten Lugana am südlichen Gardasee. Bekannt sind die Spumante der Franciacorte.

Piemont, das Land zu Füßen der Berge, vor allem aber sein Kerngebiet, die hügelreiche Langhe, läßt nur eine Möglichkeit zu: sich bedingungslos ihm hinzugeben. Landschaft, Menschen, die trüffelduftenden Speisen, alles bestätigt in der herben Strenge eines Weines, den manche Autoren sich nicht scheuen, den besten der Welt zu nennen, scheinen nur einem Ziel zu dienen: der Verherrlichung dieses Landes. Aber bleiben wir nüchtern. Piemont ist neben der Toskana das qualitativ bedeutendste Weinbaugebiet Italiens. Erst Ende der siebziger Jahre, als Anspruch und Qualitätsbewußtsein der Weinfreunde in aller Welt zu wachsen begann, wurde man auch außerhalb Italiens auf dieses Land mit tief verwurzelter kulinarischer Tradition aufmerksam. Seither vergeht kaum ein Jahr, in dem das Piemont nicht mit einem neuen Weinwunder aufwartet. Leider muß auch hier die Aufzählung der wichtigsten Rebsorten und ihrer Weine genügen. Aber wer mehr wissen will, findet ausreichend Literatur und viele Weinhändler, die mit Freude weiterhelfen.

Die roten Rebsorten bedecken weit über 75% der Rebflächen des Piemont. Überwiegend ist es die Barbera, die angebaut wird und bis vor kurzem kaum etwas anderes als herzhafte Alltagsweine erbrachte. In jüngster Zeit hat man ihr stellenweise bessere Lagen eingeräumt und ihr einen Ausbau auf Barriques gegönnt. Die Resultate sind großartig und machen überall im Piemont Schule. Auch der Dolcetto beginnt wieder im Wert zu steigen. Er liefert blumige, beaujolais-artige Weine, die im Piemont zu Vorspeisen und Pastagerichten getrunken werden. Die alles überragende Rebsorte aber ist der Nebbiolo, der auf den Hügeln südlich und östlich von Alba mit dem Barolo und dem Barbaresco Triumphe feiert. Mächtige, alkoholreiche Weine sind das, die mindestens zwei Jahre im Faß und viele Jahre auf der Flasche benötigen, bis die adstringierenden Gerbstoffe sich mildern und die vielfältigen Trockenfrucht- und Röstaromen unverstellt zutage treten. Aber auch in anderen Teilen des Piemont weiß man, aus der Nebbiolo-Traube Weine zu machen, ganz andere als im Gebiet um Alba: den frischen Roero zum Beispiel, den rassigen Gattinara oder den leichteren Carema.

Die weißen Rebsorten stehen ein wenig im Schatten der roten. Aber der fruchtige, säurebetonte Gavi aus der Cortese-Traube etwa oder der Moscato, der teils aber auch, wie unlängst zur DOC erhobenen Loazzola, einen kostbaren Dessertwein ergibt, sind herrliche Weine, die eine langsam wieder wachsende Wertschätzung verdienen.

Die Weine an den Nordosthängen des Appennin, also die aus der Emilia-Romagna, den Marken und den Abruzzen, haben eher durch Masse als durch Klasse von sich reden gemacht. Dennoch finden sie gerade bei deutschen Konsumenten regen Zuspruch, weil sie, von guten Händlern eingeführt, in der Regel ein ausgezeichnetes Preis-Leistungsverhältnis aufweisen. Rings um Modena und Bologna machen es riesige Weinfirmen mit ebenso riesigen Mengen von Lambrusco den kleineren Betrieben schwer, ihre zum Teil ausgezeichneten Weine bekannt zu machen. Auch der Sangiovese die Romagna erreicht die Klasse seiner toskanischen Vettern nicht. Da haben es die qualitätsbewußten unter den Erzeugern des weißen Verdicchio in den Marken und des roten Montepulciano d'Abruzzo schon leichter, ihre Käufer zu finden.

Die Toskana. Inbegriff deutscher Italiensehnsucht, ist Weinland schon seit etruskischen Zeiten. Es ist das Land des Chianti. Aber nicht mehr des gleichen Chianti, der noch vor zehn, zwanzig Jahren die Bastflasche füllte, und der eine Art Markenwein war, zusammengestellt aus zwei roten (Sangiovese und Canaiolo) und zwei weißen Traubensorten (Trebbiano und Malvasia). Der heilsame Markteinbruch in den achtziger Jahren und die strengen Produktionsvorschriften der DOCG-Richtlinien im Classico-Gebiet führten zuerst bei den Chianti-Winzern, inzwischen auch bei den bis dato allzu erfolgsverwöhnten Brunello-Produzenten zu einer rigorosen Qualitätsorientierung. So konzentriert man sich heute nach Versuchen mit Cabernet Sauvignon und Pinot noir wieder auf die heimische Sangiovese-Traube, die nirgends bessere Ergebnisse bringt als auf den kargen Hügeln der Toskana, und macht aus ihr, sortenrein oder im modifizierten Chianti-Cuvee, hinreißende Weine, die den hohen internationalen Stellenwert, den sie genießen, durchaus verdienen.

Die roten Rebsorten werden angeführt von der Sangiovese, deren Varietäten in Montepulciano Prugnolo Gentile und in Montalcino Brunello heißen. Sortenrein tritt sie im teuren Brunello di Montalcino auf, einem dunklen, konzentrierten Wein, der nach langer Lagerzeit lakritzeartige Geschmacksnoten aufweist, und als Hauptbestandsteil im neuerdings wieder wundervollen Vino Nobile di Montepulciano. Mit anderen Weinen verschnitten, dominiert sie im Chianti Classico und in den östlich und westlich von Florenz erzeugten Chianti Rufina und Carmignano sowie natürlich in den einfacheren Chiantiweinen der tieferen Lagen. Zum Kultwein avancierte bereits in den achtziger Jahren der aus Cabernet gemachte Sassicaia, der vielen Winzern in der Toskana zum Ansporn wurde, auch mit fremden Rebsorten Erfahrungen zu sammeln.

Weiße Rebsorten haben in der Toskana kaum Nennenswertes zu bieten. Der Trebbiano bringt hier ebenso wenig wie sonst in Italien etwas anderes als Masse zustande. Und der über Italien hinaus bekannte Vernaccia di San Gimignano erfüllt nur bei wenigen Produzenten die Erwartungen.

Die italienische Mitte, Umbrien, Latium und Kampanien, hat der Aufbruch zu Ertragsbegrenzungen und Qualität noch nicht erfaßt. Das macht vielleicht die Nähe Roms, die Absatzprobleme noch nicht hat aufkommen lassen. Zwei Weißweine sind es, die bis heute über die Grenzen Italiens hinaus einen Namen haben: Orvieto und Frascati. In beiden übt die etwas charakterlose Trebbiano-Traube ihren unseligen Einfluß aus und läßt anderes als simplen Tischwein nicht zustande kommen. Wo sich allerdings Produzenten der alten Traditionen etwa des Orvieto besinnen und sich Mühe geben mit einem edelsüßen Ausbau, können dem Weinfreund überraschende Weine begegnen.

Im Süden Italiens kann von Superlativen leider auch nur die Rede sein, wenn es um die Mengen geht, die produziert werden. Apulien und Sizilien erzeugen mit je neun Millionen Hektolitern zusammen ein Drittel der gesamten Weinernte Italiens. Verschnittweine zumeist oder von vornherein für die von der EU subventionierte Destillation bestimmt. Hier und da jedoch ragen einige überraschend eigenständige Weine aus dem allgemeinen Weinsee hervor. Auf Sardinien zum Beispiel ist der Vernaccia di Oristana zu nennen, ein Wein, der dem Sherry ähnlich ist, und auf Sizilien der Marsala, der nicht nur als süßer Würzwein, sondern auch angenehm trocken (vergine) ausgebaut wird. Auch ein großartiger Rotwein aus der Calabrese-Traube wird hier gemacht, der Duca Enrico, den viele zu den besten Italiens zählen. In Kalabrien kann man nach einem Ciro fragen, der als trockener weißer oder als roter angeboten wird. Etwas Besonderes sind auch die apulischen Roseweine, unter denen der Rosa del Golfo "Scaliere" den Ruf hat, der beste Italiens zu sein.